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Er ist einer der bekanntesten tschechischen Schriftsteller und gilt als Kritiker des real existierenden Sozialismus. Nun hat das Ansehen von Milan Kundera allerdings mindestens einen Kratzer bekommen: Das Prager Amt für das Studium der totalitären Regime, eine Art tschechische Gauck-Behörde, fand ein Dokument, das Kundera als Geheimdienstspitzel offenbart. Mit 20 hat er offenbar einen Mann denunziert, der anschließend nur knapp der Todesstrafe entging und für 14 Jahre ins Gefängnis musste.
Von Peter Hornung, ARD-Hörfunkstudio Prag
Es war ein Zufallsfund, den ein Mitarbeiter im Archiv machte. Eigentlich suchte er etwas über eine Verwandte, doch er stieß dabei auf ein Dokument, das ihm auffiel. Ein Protokoll des tschechoslowakischen Geheimdienstes, 58 Jahre alt. "Am heutigen Tag um 16 Uhr", heißt es darin, "kam der Student Milan Kundera, geboren am 1.4.1929 in Brünn, in unsere Abteilung." Der 20-jährige Kundera habe einen Mann angezeigt, der bei einer Kommilitonin einen Koffer habe stehen lassen.
[Bildunterschrift: Szene aus der Verfilmung von Kunderas Bestseller "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" ]Kundera konnte sogar davon berichten, was in dem Koffer war - und er meldete, dass der Mann namens Miroslav Dvoracek ein Exil-Tscheche sei, der im Jahr zuvor illegal nach Deutschland geflohen sei. Noch am selben Tag wurde Dvoracek festgenommen, sagt Vojtech Ripka vom Institut für das Studium der totalitären Regime in Prag. "Sehr wahrscheinlich wurde er aufgrund von Kunderas Denunzierung gefasst. In so einem Fall drohte die Todesstrafe. Tatsächlich hat er 22 Jahre bekommen und 14 davon in kommunistischen Gefängnissen abgesessen." Dvoracek kam nur knapp mit dem Leben davon, einen Teil seiner Haft verbrachte er als Zwangsarbeiter in einer Uranmine.
Er war nach dem kommunistischen Putsch 1948 aus seiner Heimat geflohen, hatte sich in einem Flüchtlingslager von einem westlichen Geheimdienst anwerben und zur - höchst gefährlichen - Rückkehr nach Prag bewegen lassen. Er überlebte die 14 Jahre Gefängnis, kam frei in dem Jahr, als Kundera sein "Buch der lächerlichen Liebe" herausbrachte.
Heute ist er 80 und lebt in Schweden. All die Jahre hatte er geglaubt, ein Mädchen habe ihn damals verraten. Dass es Kundera war, daran bestehen wenig Zweifel. Das Dokument vom 14. März 1950 sei echt, sagt das Institut. Milan Kunderas Kollege, der Schriftsteller Ivan Klima, zeigt sich schockiert: "Das hat mich erschüttert. Das habe ich nicht geahnt. Ich wusste natürlich, dass er in der Partei war und im Verband, aber davon gab es ja mehrere."
[Bildunterschrift: Verriet Kundera in jungen Jahren einen Kommilitonen an den Geheimdienst? ]
Die neuen Erkenntnisse, so eine tschechische Literaturwissenschaftlerin, würfen nun ein anderes Licht auf das Werk eines Mannes, der als Schriftsteller zum vehementen Kritiker des real existierenden Sozialismus und seiner Herrschaftsmethoden wurde. Dafür steht auch sein bekanntestes Werk, "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Als junger Mann war er zwar - wie viele seiner Generation - in die Kommunistische Partei eingetreten, 1950 allerdings wurde er wieder ausgeschlossen, just in dem Jahr, als er Dvoracek denunziert hatte. 17 Jahre später wurde er erneut KP-Mitglied, da war er schon ein etablierter Schriftsteller in seiner Heimat.
Nach dem Einmarsch der Sowjets 1968 allerdings war für den kritischen Kommunisten endgültig kein Platz mehr in der Partei, seine Bücher kamen auf den Index. 1975 ging er nach Frankreich. Nicht erst seitdem hat er ein schwieriges Verhältnis zu seiner tschechischen Heimat. Auch nach der Wende kam er nur selten zurück, meist inkognito, und zur Verleihung des höchsten Literaturpreises Tschechiens im vergangenen Jahr ließ er sich entschuldigen.