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Die Bundesdrogenbeauftragte Bätzing warnt vor dem Suchtpotenzial von Computerspielen und fordert mehr Therapiemöglichkeiten. Zugleich räumt sie ein, dass die Krankheit noch mehr erforscht werden muss. Dieser Meinung schließt sich der Suchtexperte Oliver Bilke an. tagesschau.de sprach mit ihm über seine Erfahrungen in der Behandlung der Computersucht.
tagesschau.de: Wann ist ein Computernutzer süchtig?
Oliver Bilke: Er ist dann süchtig, wenn er sämtliche für die Altersstufe anstehenden Aktivitäten schwer vernachlässigt. Wenn er nicht mehr in der Lage ist, in die Schule zu gehen, wenn er erhebliche Schlaf- und Ernährungsstörungen hat, wenn er sich mental ausschließlich mit virtuellen Welten beschäftigt und seine sozialen Kontakte komplett vernachlässigt. Und wenn er dann auch noch in den Pausen, in denen er nicht spielen kann, permanent ans Spielen denkt.

tagesschau.de: Kann man das auch nach Stunden bemessen?
Bilke: Das hängt stark vom Individuum, seinem Alter und den damit verbundenen Aufgaben ab. Wenn ich fünf Stunden am Morgen spielen muss und deshalb nicht in die Schule gehe hat das eine andere Dimension, als wenn ein Jugendlicher abends im Freundeskreis spielt. Die absolute Stundenzahl ist auch deshalb nur bedingt aussagefähig, weil viele notwendige Aktivitäten für Kinder und Jugendliche heutzutage am Computer stattfinden, wie etwa das Recherchieren für Hausaufgaben.
Deshalb versuchen wir in der Diagnostik über ein Medientagebuch herauszufinden, wie viele Stunden ein Jugendlicher mit Medien verbringt. Dann bewerten wir, wie viele dieser Stunden sozial und nützlich waren, welche einem netten Vergnügen gedient haben und welche zu viel waren. Man muss das sehr individuell sehen.
tagesschau.de: Gibt es hier durchgängige Muster, die sich wiederholen?
[Bildunterschrift: Verlockende Traumwelt: Auch das Spielen zu zweit kann süchtig machen. ]
Bilke: Wir stoßen immer wieder darauf, dass die Jugendlichen die Zeit unterschätzen, die sie am Computer mit Spielen verbringen. Wir stoßen auch darauf, dass das "Suchtmittel" gewechselt wird. Wenn eine Ermüdung bei einem Strategiespiel auftaucht, wird zu einem Reaktionsspiel gewechselt, dann wird ein bisschen recherchiert, so dass sich verschiedene virtuelle und elektronische Aktivitäten addieren zu vielen Stunden, die einzelne Aktivität aber als nur kurz erscheint.
tagesschau.de: Abgesehen von der exzessiven Nutzung des Computers – wie äußert sich diese Sucht noch? Welche körperlichen und psychischen Folgen haben Sie beobachtet?
Bilke: Wir sehen oft Begleiterkrankungen wie Konzentrationsstörungen, Depressionen, soziale Ängstlichkeit. Wir begegnen auch Jugendlichen, die nur noch mit ihren unterschiedlichen Identitäten beschäftigt sind. Sie pflegen ihre virtuellen Identitäten und bauen sie immer weiter aus.
Manche haben bis zu sechs unterschiedliche Identitäten, die sich gegenseitig komplett ausschließen. Ihre normale "offline-Welt" vernachlässigen sie massiv. Das bedroht natürlich die Entwicklung der Persönlichkeit, wenn es nicht über einige Wochen, sondern Monate geht.
tagesschau.de: Gibt es einen "typischen" Computersüchtigen?
Bilke: Eine solche Definition funktioniert schon bei der normalen, stoffgebundenen Sucht nicht. Wir haben einerseits Patienten, die schnelle, aggressive Spiele bevorzugen. Andererseits haben wir Patienten, die sozial ängstlich und zurückgezogen sind und Rollenspiele bevorzugen.
Hier muss jetzt wissenschaftlich geforscht werden, um unsere ersten klinischen Erfahrungen empirisch abzusichern. Diese zwei noch groben Typen lassen sich auch den Geschlechtern zuordnen. Jungen sind eher im impulsiven Bereich aktiv, Mädchen im Bereich der Rollenspiele. Aber wir stehen hier wirklich noch am Anfang.
tagesschau.de: Lassen sich bestimmte Erscheinungsformen auch sozialen Milieus zuordnen?
[Bildunterschrift: Schnelles Ergebnis, schneller Reiz: Selbst vermeintlich harmlose Spiele haben Suchtpotenzial ]
Bilke: Nein, dazu ist das Phänomen auch zu breit. Aber wir beobachten, dass Jugendliche mit einem besseren, höheren sozialen Hintergrund eher in der Lage sind, früher auszusteigen und für bestimmte schulische und soziale Aufgaben mit dem Spielen aufzuhören. Der Ausstieg ist noch völlig unerforscht, denn für viele Jugendliche wird es nur eine Übergangsphase sein, nach der sie wieder zu einem normalen Computerkonsum übergehen.
tagesschau.de: Wie behandeln Sie diese Krankheit?
Bilke: Es gibt hier - grob gesagt - drei Phasen. Zunächst überlegen wir zusammen mit der Familie, ob das Problem überhaupt existiert, ob es von der Familie benannt wird und ob man ein gemeinsames Problembewusstsein entwickeln kann. In dieser Phase schauen wir auch, wie es um die Schulleistungen bestellt ist, wie um die Intelligenz des Betroffenen, ob der Jugendliche aggressiv oder depressiv ist, und ob es typische familiäre Probleme gibt. In dieser Phase sollte der Computerkonsum auf Null heruntergehen.
Dann prüfen wir, ob wir die seelische Störung schon behandeln können - etwa mit pharmakologischen Mitteln oder einer Psycho- oder Familientherapie. Und wir prüfen, ob der Jugendliche in der Lage ist, seinen Konsum mehr zu steuern.
[Bildunterschrift: Immer wieder in der Kritik: Computerspiel "World of Warcraft" ]
In der dritten Phase geht eine Psychotherapie noch etwas weiter - die Familie ändert ihr Verhalten, rückt andere Aktivitäten nach vorne, während der Jugendliche übt und lernt, mit Spaß am Computer tätig zu sein, anstatt mit Sucht, Krampf und Angst. Aber auch hier sind die individuellen Unterschiede enorm.
tagesschau.de: Sie stehen auch hier noch am Anfang?
Bilke: Hilfreich sind für uns Konzepte aus dem Bereich der Glücksspielsucht. Ob diese aber leicht auf wesentlich jüngere Patienten zu übertragen sind, wird sich noch zeigen. Man wird schauen müssen, ob wir die unterschiedlichen Spielarten und ihren Einfluss auf das Suchtverhalten schon verstehen.
tagesschau.de: Können Sie schätzen, wie viele Jugendliche von dieser Sucht betroffen sind?
Bilke: Nein. Es gibt sicher eine erhebliche Dunkelziffer von Jugendlichen, die sehr intensiv den Computer nutzen und vielleicht schon abhängig sind. Ob diese aber behandlungsbedürftig sind oder aber selber wieder herausfinden, kann man noch nicht beantworten. Aber wir haben die Chance, durch die öffentliche Debatte über dieses Themas Suchtkarrieren zu stoppen und zu verhindern.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de
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