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Von Christina Nagel, ARD-Hörfunkkorrespondentin Moskau
Egal, welchen Teilnehmerzahlen man nun glaubt - denen der Veranstalter oder der Sicherheitskräfte - eines ist bemerkenswert: In Russland gehen nach langer, langer Zeit wieder hunderttausende Menschen auf die Straße, um ihre politische Meinung zu sagen. Kein leises, verschämtes Geplänkel mehr am Küchentisch, keine anonymisierten Frustbeiträge im Internet, sondern ein klares, offenes Bekenntnis für oder gegen die Machtstrukturen. Und das bei eisigen minus 20 Grad.
Das Volk beweist sich selbst, dass es mehr als Stimmvieh ist. Bei jeder neuen Aktion nehmen Veranstalter und Teilnehmer erstaunt und fasziniert zur Kenntnis, dass sie viele sind. Dass sie Ideen teilen und gemeinsam Forderungen stellen können.
Dabei spielt es nur bedingt eine Rolle, ob Putin wiedergewählt wird. Oder ob alle Forderungen erfüllt werden. Wichtiger ist, dass das Vertrauen in die eigene, friedlich eingesetzte Kraft wächst. Und die selbst verordnete Enthaltung von jedweder Mitgestaltung am politischen Prozess endlich überwunden wird. Denn es ist gerade diese politische Sprachlosigkeit, von der die Machthaber lange profitiert haben.
Präsident, Regierung und Parlament sollten sich die Bilder der heutigen Großdemonstrationen genau anschauen. Die Teilnehmer der Massenveranstaltungen - so unterschiedlich sie auch in der Wortwahl waren - haben nämlich erfolgreich gezeigt, dass verschiedene politische Auffassungen friedlich nebeneinander existieren können: für Putin oder gegen Putin, für Reformen oder gegen Revolution.
Ein demokratisches Kräftemessen - in Parolen, kreativen Plakaten, Teilnehmerzahlen und Reden. Friedlich, interessant und hoffentlich auch für die etablierten Parteien aufrüttelnd. Inhalte sind gefragt, Programme, Ziele. Nicht immer nur dieselben, altbekannten Politfiguren.
Die Demonstranten heute haben bewiesen, dass sie politisch sind und auch sein wollen. Allein für Geld und gute Worte dürften nur die wenigsten stundenlang in der Kälte ausgeharrt haben.
Putin-Gegner und Putin-Kritiker haben sich ein verbales Fernduell geliefert, ohne dass es Sieger und Verlierer gab. Übrigens auch ein Verdienst der Behörden, die die Proteste genehmigten und für einen sicheren, ruhigen Verlauf sorgten. Auch das ist noch relativ neu und bemerkenswert positiv!
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