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New York ist aus der Perspektive Bagdads weit weg – in jeder Beziehung. Anders als Wall Street gibt sich die Börse im Karrada-Distrikt der irakischen Hauptstadt bescheiden. Kurse werden noch mit Kreide auf eine Wandtafel geschrieben, elektronischer Handel ist unbekannt, gerade mal 95 Firmen sind in Bagdads Finanzzentrum gelistet, nur drei Tage die Woche wird gehandelt.
Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman
Zuletzt betrug der Umsatz in Bagdads Börse übersichtliche 650.000 Euro - doch in einem sind Investoren auf dem irakischen Parkett ihren Kollegen im Westen haushoch überlegen: Während in New York, London, Frankfurt oder Tokio die Kurse ins Bodenlose fallen, schreibt Bagdad schwarze Zahlen – am letzten Handelstag kletterte der Index rund 6,5 Prozent, über den Monat gerechnet stand am Ende sogar ein Plus von satten 40 Prozent.
Händler Bilal Saaid glaubt die Gründe für die erstaunliche Entwicklung zu kennen: "Natürlich ist der Handel aufgrund der Wirtschaftssanktionen gegen Irak nach 1990 begrenzt, die immer noch schwierige Lage tut ein Übriges. Die Zahl in- und ausländischer Investoren ist gering - doch gerade deshalb wirkt sich die weltweite Finanzkrise so gut wie gar nicht auf den Irak aus."
Dossier:
Bagdads Börse boomt, das Parkett brummt. Man erwartet eine Welle ausländischer Investitionen nach langer Isolation. Besonders der Hotel- und Bankensektor sind bei Anlegern gefragt. Beide seien klar unterbewertet, meint Börsenmakler Ali Fadil. Firmen aus aller Welt warteten nur darauf, dass es mit dem Irak-Geschäft endlich losgehe. "Die stehen doch Gewehr bei Fuß, alles blickt in die Zukunft", sagt Fadil. Die Lage habe sich verbessert, es gebe "an allen Ecken und Enden unseres Landes Möglichkeiten zum Investieren. Hotel-Aktien verzeichnen einen Zuwachs von 39 Prozent. Der Bereich floriert durch westliche und arabische Anlagen."
[Bildunterschrift: Anschläge gehörten in Bagdad zum grausamen Alltag. Mittlerweile hat sich die Sicherheitslage etwas verbessert. ]
Trauten sich Händler nach dem Einmarsch der US-Truppen und dem Sturz Saddam Husseins 2003 nicht mal in die Nähe der Börse, weil die Gewalt auf den Straßen Bagdads jeden Weg zur tödlichen Gefahr werden ließ, ist das heute anders. Das Gebäude wird scharf bewacht und mit Beton-Barrikaden gegen Attentate geschützt, aber drinnen ist die Stimmung gut. Hohe Einnahmen aus dem Ölgeschäft lassen Irak für Anleger als Goldgrube erscheinen. Obwohl die Förderung lange nicht ihre Möglichkeiten ausschöpft – wegen nach wie vor verrotteter Technik, Sabotage und Diebstahl in großem Stil. Fallende Ölpreise lösen zwar leise Nervosität unter Börsenhändlern in Bagdad aus – doch sind das Sorgen auf hohem Niveau. Um die dürften ihre Kollegen weltweit sie derzeit herzlich beneiden.